Frankfurter Stadtteile im Wandel

Wandel in der Versorgungsstruktur des Frankfurter Stadtteils Sindlingen

von Dieter Frank

Das Kaufhaus Ühlein. (Foto: Heimat- und Geschichtsverein Sindlingen)
Das Kaufhaus Ühlein. (Foto: Heimat- und Geschichtsverein Sindlingen)

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Seit einigen Jahrzehnten, genauer seit den 1960er Jahren, verändert sich die Geschäftswelt des Frankfurter Stadtteils auffallend, indem Fachgeschäfte und Familienbetriebe abgelöst werden durch Filialketten, Supermärkte etc. Aber selbst diese halten offensichtlich der Konkurrenz großer Einkaufsmärkte auf der grünen Wiese nicht stand und ziehen sich zurück.

Ziel des Projekts soll es sein, diesem Wandel nachzugehen, um daran anschließend auch die sozialen Folgen dieses Veränderungsprozesses in die Diskussion einzubringen.

Sindlingen ist seit seiner Eingemeindung nach Frankfurt im Jahre 1928 der westlichste Stadtteil Frankfurts, damit aber auch gleichzeitig Schnittstelle zum Main-Taunus-Kreis. Über Jahrzehnte hinweg wurde das Alltagsleben der Menschen vom größten Arbeitgeber, den Farbwerken Hoechst, geprägt, die Arbeiterschaft bildete mithin den Kern der ansässigen Bevölkerung, die ab der Jahrhundertwende den ehemals ländlichen Charakter des Ortes entscheidend veränderte.

Den alltäglichen Konsumbedarf deckten die verschiedenen kleinen Einzelhändler vor Ort, Güter des gehobenen Bedarfs konnten im nur vier Kilometer entfernten Höchst oder in Frankfurt selbst (auf der „Zeil“) besorgt werden. Aber auch im Stadtteil hatten sich Spezialgeschäfte niedergelassen, die den Nachfragebedarf einer kaufkräftigen Schicht (leitende Angestellte der Farbwerke, die in der sogenannten „Villenkolonie“ am Rande Sindlingens wohnten) abdecken konnten.

»Welche Versorgungsangebote prägten den Stadtteil in der Vergangenheit? Welche Geschäftsstrukturen bildeten sich in den letzten Jahrzehnten heraus?«

Ausgangspunkt meiner Überlegungen war die Beobachtung, dass immer häufiger Ladeneinheiten leerstehen oder als „Internetshop“ oder „Wettbüro“ neu genutzt werden. Ich sehe dabei als Folge, dass die Wohn- und Versorgungsqualität tendenziell abnimmt und damit ein Abwärtstrend für die Lebensqualität und die allgemeine Attraktivität eines peripheren Stadtteils zu befürchten ist. Sicherlich ist nachvollziehbar, dass auch Sindlingen Teil eines allgemeinen Strukturwandels ist:

- erhebliche Flächenexpansion des großflächigen Einzelhandels außerhalb unseres Stadtteils (in unserem Fall das „Main-Taunus- Zentrum“),

- Unternehmenskonzentration auf wenige Anbieter („Discounter“),

- Freisetzung kleinstrukturierter, mittelständisch geführter Betriebe.

Gleichzeitig ist diese Entwicklung gekoppelt mit Veränderungen im Einkaufsverhalten der Bevölkerung, vor allem mit der Suche nach

- einer größeren Angebotsvielfalt,

- einer entsprechenden Preiswürdigkeit, kombiniert mit

- guter Verkehrsanbindung und gutem Parkplatzangebot.

Diesen Umbruchsprozess zu dokumentieren und zu analysieren soll das Ziel meiner Untersuchung sein. Welche Versorgungsangebote prägten den Stadtteil in der Vergangenheit? Welche Geschäftsstrukturen bildeten sich in den letzten Jahrzehnten heraus? Welche Auswirkungen hatte dieser Prozess auf die Lebensqualität vor und im Ort? Droht für die Zukunft vielleicht sogar ein infrastruktureller Kahlschlag oder lässt sich auch ein Stadtteil wieder beleben?

Im Vordergrund steht allerdings die historische Erinnerungsarbeit, und zwar im Sinne der Stiftung einer Identifikation der Anwohner mit ihrem Stadtteil. „Die Häuser erzählen bei einem imaginären oder realen Spaziergang durch den Stadtteil ihre Geschichte“ – das soll der Leitgedanke für die Erarbeitung des historischen Materials sein: Häuser, deren Funktion als ehemaliges Geschäft man zum Teil noch ihrem Baustil ansieht, aber auch Häuser, die nach Umbaumaßnahmen ihre ehemalige Funktionsbestimmung vollständig verloren haben. Wo heute Internet-Cafés, Wettbüros oder Filialniederlassungen ihre Dienste offerieren, boten ehemals qualifizierte Einzelhändler ihre Produkte der ortsansässigen Kundschaft an. Ob diese Entwicklung (auch) ein Resultat der sinkenden Kaufkraft im Stadtteil ist? – das könnte ein wichtiges Ergebnis meiner Untersuchungen sein.